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13.01.2015

Große Welt in der Vorstadt

Rund zehn Jahre lang bot das Lili-Filmtheater fast 600 Besuchern Platz. Mitte der 60er Jahre konnte sich das Lili-Kino, kurz für Lichtspiele am Lindenbaum, nicht mehr halten.

„Das war schon fast die große Welt für uns damals“, erinnert sich Waltraud Sahr an das Lili-Filmtheater. In ihrer Jugend war das Kino ein wichtiger Teil von Eschersheim. Es brachte die großen Stars in die Vorstadt. Heute hängen statt Filmplakaten die Angebote eines Supermarktes an der Wand des Hauses in der Eschersheimer Landstraße 440.

Zum ersten Mal zeigte das Lili-Kino, kurz für Lichtspiele am Lindenbaum, am 29. Juli 1955 einen Film: Désirée, ein Historiendrama über das Leben Napoleons. Die Architekten hatten das Innere des Kinos bewusst modern und originell gestaltet. Das Lili grenzte sich damit deutlich vom zweiten, älteren Eschersheimer Kino ab, dem Metropol an der Maybachstraße. Hatte dieses noch einfache Holzsitze, so gab es im Lili nun rote Polstersessel mit schwarzen Lehnen. Statt den 400 Sitzen im Metropol hatte das Lili 571 Plätze. Die Wände waren mit hellem Holz verkleidet und über allem schwebte eine azurblaue Decke.

„Als das aufgemacht hat waren wir jungen Leute schon froh, dass es ein zweites Kino in Eschersheim gab“, sagt Waltraud Sahr über die Eröffnung. Sie ist in Eschersheim aufgewachsen und war oft im Lili. „Bestimmt einmal im Monat.“ Mit ihren Freundinnen habe sie vor allem die lustigen Heimatfilme geschaut, die damals aktuell waren. Die anspruchsvolleren Filme dann zusammen mit ihrem Vater.

Besonders die moderne Aufmachung des Kinos habe die Jugendlichen in Eschersheim fasziniert, erzählt die heute 71-Jährige. „Die große Welt in der Vorstadt“ sei das Kino aber außerdem gewesen, weil es die großen Stars der Zeit auf die Leinwand brachte. Auch wenn man in der Vorstadt etwas länger auf sie warten musste. „Denn die neuesten Filme liefen erst in der Innenstadt und kamen dann meisten zwei Wochen später zu uns nach Eschersheim raus“, sagt Sahr.

Bei den ganz großen Filmen, wie Ben Hur oder jenen mit Liz Taylor, habe das Warten noch sehr viel länger dauern können. Vorstadtkinos wie das Lili bekamen erst dann Kopien der Filme, wenn die Innenstädter die Streifen nicht mehr sehen wollten. Sahr und ihre Freundinnen blieben daher ihrem Stammkino nicht immer treu.

Und nicht nur für die großen Filme – auch für besondere Gelegenheiten ging man lieber in die prächtigeren Kinos im Zentrum. „Wenn ich mich verabredet habe, dann in der Stadt“, sagt Sahr. So zum Beispiel mit ihrem heutigen Mann Wolfgang. Beim ersten Treffen seien die beiden vermutlich im großen MGM-Kino nahe der Zeil gewesen, und erst beim zweiten dann im Lili.

Mitte der 60-er Jahre konnten sich dann weder das Lili noch das Metropol in Eschersheim weiter halten. Beide wurden kurz hintereinander geschlossen und für die Eschersheimer war das erst einmal nicht weiter schlimm. „Damals war man jung und ist gerne mal in die Stadt gefahren – das hat uns nicht so viel ausgemacht“, sagt Sahr. Heute jedoch denkt sie anders darüber und würde sich doch wieder ein Kino in der Nachbarschaft wünschen. Damit die große Welt mal wieder nach Eschersheim kommt.



Artikel Frankfurter Rundschau vom 13.01.2015.Von Hans-Ludwig Buchholz

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