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08.12.2019

Bewohner der Wohnwagensiedlung fürchten weiter Räumung

Die Stadt lehnt das Zukunftskonzept des Ortsbeirats für die Wohnwagensiedlung an der Bonameser Straße ab. Bewohnern drohen Kündigungen – Grund dafür sind sogenannte Nutzungsverträge, die nur für die eingetragenen Mieter gelten und nicht mehr für deren Kinder.

Seit 52 Jahren ist Augusta Fletterer in der Wohnwagensiedlung Bonameser Straße gemeldet, sie ist dort geboren, „wie meine Tochter und meine Geschwister.“ Doch ihr und den anderen etwa 80 Bewohnern drohen Kündigungen und Zwangsräumungen – Grund dafür sind sogenannte Nutzungsverträge, die nur für die eingetragenen Mieter gelten und nicht mehr für deren Kinder. Der Ortsbeirat 9 hatte sich interfraktionell für ein Zukunftskonzept eingesetzt und einen Runden Tisch gefordert, doch der Magistrat veröffentlichte am 18. November eine Stellungnahme, die dies als nicht „zielführend“ ablehnt.

Eine offizielle Genehmigung gab es für den einst als Provisorium angedachten Platz nie, doch die Menschen haben sich eingerichtet, leben dort teilweise in der vierten oder fünften Generation. Und es sei eine „sehr familienbezogene Gruppe“, sagt Donna Ochs von der SPD-Fraktion im Ortsbeirat: „Die wollen nicht weg, sondern einfach legal dort leben.“ Dass es nun keine Möglichkeit für neue Verträge gebe und sogar der Wunsch nach Dialog von der Stadt abgelehnt wurde, findet Ochs „sehr schockierend“. Besonders auch aufgrund der Geschichte sei eigentlich eine besondere Sensibilität notwendig.

Denn vor allem die älteren Bewohner seien Behörden gegenüber sehr skeptisch. Sie und ihre Vorfahren seien im Nationalsozialismus als „Asoziale“ von Verfolgung, Ermordung und Zwangssterilisationen betroffen gewesen und kämpften noch heute um die Anerkennung dieser Verbrechen.

Und die Stellungnahme des Magistrats sei nicht nur dieser Geschichte gegenüber „völlig unsensibel“, sondern bediene zudem die üblichen Stereotype der Kriminalität, sagt Ochs. Menschen, die nicht sesshaft arbeiteten – Schausteller, Schrotthändler, Zirkusleute, Jenische, Sinti und Roma – wurden auch nach der NS-Zeit schwer diskriminiert. So entstand 1953 die Wohnwagensiedlung extra möglichst unsichtbar am Rand der Stadt, wo den Kindern der damals Angesiedelten nun die Zwangsräumung droht. „Meine Eltern waren nicht geschult, konnten kaum lesen, wie hätten sie die Verträge verstehen können?“, gibt Augusta Fletterer zu Bedenken. 1984 wurde das Gelände mit diesen Verträgen von der Wohnheim GmbH übernommen, die es seitdem verwaltet.

Es sei „zynisch“, dass der Magistrat vorschlage, die Menschen sollen sich einfach anderswo Wohnungen suchen, sagt Ochs: „Wir alle wissen um die Wohnungssituation in Frankfurt“. Und für Menschen, die nicht „ambulant gewerbetreibend“ gemeldet sind, sei es sowieso fast unmöglich an eine Wohnung zu kommen – vielleicht wollten sie das auch gar nicht.

Der Referent des Dezernats für Bau und Immobilien, Günter Murr, kann die Stellungnahme nur mit der „rechtlichen Situation“ begründen, die eindeutig sei: „Die Nutzung ist illegal, deswegen gibt es keine Zukunftsperspektive.“ Und es könne „keinen Entscheidungsspielraum“ geben für neue Verträge oder zumindest ein Gespräch.

Doch Ochs erklärt, dass der Beschluss der Stadtverordnetenversammlung von 1983 an keiner Stelle die mittel- bis langfristige Schließung des Platzes beinhalte – anders, als die Stellungnahme behauptet. Außerdem werde darin unterschlagen, dass die Altlasten auf dem Gelände zum größten Teil von der Abfallentsorgung der Alliierten stammten, sowie von der Schlacke einer Müllverbrennungsanlage. Augusta Fletterer zeigt sich „empört“ über die Stellungnahme und macht deutlich:„Wir lassen da nicht locker, wir lassen uns nicht vertreiben.“



Artikel Frankfurter Rundschau, vom 04.12.2019. Von Sabrina Butz

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