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16.04.2020

Psychosoziale Beratungen auf Distanz

Das Evangelische Zentrum am Weißen Stein berät derzeit vor allem telefonisch. Für wichtige Videobesprechungen fehlen Webcams.

Die Corona-Krise stellt für die meisten Menschen eine große Belastung dar. Doch wer bereits vor Beginn der Pandemie Probleme hatte, bei dem können die „insgesamt große Verunsicherung“ und die massiven Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens „vorhandene Konfliktmuster enorm verstärken“, sagt Anja Frank-Ruschitzka, die Leiterin des Evangelischen Zentrum am Weißen Stein in Eschersheim. Die kostenlosen Beratungsangebote im größten hessischen psychosozialen Zentrum stehen deswegen vor einigen Herausforderungen und finden in vorerst improvisierten Formen statt.

Momentan läuft die Beratung telefonisch und über eine geschützte Mail-Plattform – für die therapeutisch eigentlich sinnvollere Videoberatung mangelt es an Webcams. Elisa Naderi, die Sprecherin des Zentrums, sagt, man hoffe auf mögliche Spenden. Wie Frank-Ruschitzka erklärt, sei eine Videoberatung „qualitativ viel besser“ als ein Telefonat, denn Mimik, Gestik, Emotionen und der visuelle Gesamteindruck spielten eine wichtige Rolle. Um Stabilität für Klientinnen und Klienten zu gewährleisten und, weil die Daten so besser geschützt seien, arbeiten die circa 60 Mitarbeitenden aber weiterhin aus den schallgeschützten Räumen des Zentrums heraus.

In den vier Geflüchtetenunterkünften, in denen das Evangelische Zentrum tätig ist, finde die Sozialberatung weiterhin vor Ort statt, hinter Plexiglas. Dort gebe es oft kein stabiles WLAN für eine andere Beratungen und für viele Geflüchtete sei die Situation, auch aufgrund von psychischen Vorbelastungen, besonders schwierig, sagt Frank-Ruschitzka. Außerdem hätten einige ihre Arbeit verloren, sorgten sich um Familienangehörige im Heimatland oder darum, wann und wie Familienzusammenführungen stattfinden können. Auch Mentorenprogramme und Deutschkurse für Geflüchtete mussten ausgesetzt werden, davon könne aber zum Beispiel ein Ausbildungsplatz abhängen.

Auch für viele Familien sei die Situation extrem belastend. „Unsere großen Sorgen sind Kinderschutz und häusliche Gewalt“, sagt die 50 Jahre alte Sozialpädagogin. Es habe schon einige Notanrufe gegeben, weil familiäre Konflikte eskaliert seien. Und die sogenannte konfliktregulierende Beratung sei telefonisch sehr schwer zu gestalten. In Fällen, die dem Zentrum bekannt seien, werde regelmäßig angerufen und mit den Kindern gesprochen, um so eine Art „soziale Kontrolle und ein Zeichen für die Kinder, dass wir da sind“, zu setzen, sagt Frank-Ruschitzka. Aber das Problem sei groß und es sei sehr schwierig, in die betroffenen Familien hineinzukommen. Außerdem könnten sich auch Sucht- und Schuldenproblematiken durch die fehlende Tagesstruktur verstärken.

„Wir versorgen, so gut es geht“, sagt die Leiterin. Sie sei „beeindruckt über die Professionalität“ des Beratungspersonals, das sich so schnell und gut auf die neue Situation eingestellt habe. Weiterhin würden Entwöhnungsanträge gestellt und auch bei Ritualen, wie sie beispielsweise in suchttherapeutischen Gruppen wichtig seien, werde nun improvisiert. So würden statt der wöchentlichen Treffen Briefe verschickt. „Alle bleiben motiviert für die Klienten und versuchen, Vertrauen und Sicherheit aufrechtzuerhalten“, sagt die Leiterin des Zentrums.



Artikel Frankfurter Rundschau, vom 15.04.2020. Von Sabrina Butz

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