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13.07.2020

Güterzüge sollen draußen bleiben

Der Bund plant eine Umgehung um Frankfurt herum ab 2030. Mehr Kapazität soll es für den Personenverkehr geben.

Bis Ende des Jahrzehnts sollen weniger Güterzüge durchs Frankfurter Stadtgebiet rollen. Dafür plant der Bund eine große Umgehung. Was Anwohner freuen dürfte, hat einen ganz praktischen Anlass: Auf den Gleisen, die in und durch die Metropole führen, wird dringend mehr Platz für S-Bahnen, Regionalzüge und ICE benötigt.

Das Ziel ist ehrgeizig, es wird vom Klimawandel getrieben: Von heute nur sieben Prozent soll der Anteil der Gütertransporte auf der Schiene auf 25 Prozent ansteigen, hat sich der Bund vorgenommen. Heutzutage werden noch 70 Prozent der Güter mit Lastwagen transportiert.

Diese Aussicht lässt die Anwohner an einigen Bahnstrecken in Habachtstellung gehen. Denn fahren mehr Güterzüge, könnte es lauter werden. In Frankfurt fürchten sich besonders Anwohner der Main-Weser-Bahn davor, etwa in Bockenheim, Ginnheim, Eschersheim. Dort warnt die Bürgerinitiative „Bahnane“ seit vielen Jahren davor, dass der Ausbau der S-Bahn-Strecke zwischen Frankfurt-West und Bad Vilbel „in Wahrheit“ der Bau einer „Güterzugmagistrale“ sei. Schließlich wolle der Bund das Mittelrheintal entlasten – die Züge sollten stattdessen über Siegen, Gießen und Frankfurt fahren, behauptet die Bürgerinitiative.

Dem widerspricht Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD): „Warum sollten die Güterzüge denn durch Frankfurt fahren?“, fragt er. Viele Bahnstrecken in der Stadt seien bereits stark belastet. Deshalb plant der Bund genau das Gegenteil: eine Güterzug-Umgehung für Frankfurt. Mit ihr sollen Güterbahnen vom Ruhrgebiet Richtung Süddeutschland und Brenner vermehrt die Main-Metropole umfahren, von Friedberg aus über Hanau nach Aschaffenburg. Dort können sie optional nach Darmstadt und von dort Richtung Schweiz abbiegen. Das alles ist bereits beschlossene Sache und sowohl Teil des Bundesverkehrswegeplans 2030 als auch des erst kürzlich vorgestellten Entwurfs des „Deutschlandtakts 2030“.

Für die Frankfurt-Umgehung will der Bund Kapazitäten auf geringer frequentierten Bahnstrecken nutzen. Damit das möglich wird, sollen kleine Ergänzungen Engstellen im Schienennetz auflösen. So sind neue, kreuzungsfreie Abzweige für Friedberg, Großkrotzenburg, Mainaschaff und Darmstadt geplant. Mit ihrer Hilfe können Güterzüge abbiegen, ohne andere Züge zu blockieren.

Aufgeteilt hat der Bund die Vorhaben in zwei Großprojekte: Zum einen sind sie im „Mittelrhein-Zielnetz 1“ enthalten, mit dem die Kapazität auf der Verbindung Ruhrgebiet–Süddeutschland für den Güterverkehr erhöht werden soll. Das sieht neben der Neubaustrecke Frankfurt–Mannheim auch jene weiträumige Umfahrungsmöglichkeit über Siegen–Hanau vor.

Zum anderen ist es auch Teil des Großprojekts „Knoten Frankfurt“, den Güterzugverkehr aus der Metropole herauszudrücken. Das beinhaltet den Bau des 3,5 Milliarden Euro teuren Fernbahntunnels, ebenso die nordmainische S-Bahn nach Hanau. Hinzu kommen neue Gleise und Verbindungen am Stadion und am Flughafen. Nötig sind diese Ausbauten vor allem für den Personenverkehr, den der Bund bis 2030 verdoppeln will. Nach seinen Berechnungen werden, wenn das Projekt „Knoten Frankfurt“ realisiert ist, jährlich 5,5 Millionen Fahrten zusätzlich vom Auto auf die Bahn verlagert.

„Dann auch noch den Güterverkehr durch Frankfurt zu quälen, ist nicht gut“, mahnt Klaus Oesterling. Der drohe dann nämlich den Regionalverkehr zu verdrängen. Denn viele Strecken sind an ihren Kapazitätsgrenzen, allen voran nach Darmstadt, nach Offenbach–Hanau und nach Friedberg. Auf Letzterer ist es so eng, dass Züge zwischen Gießen und Frankfurt oft zusammengekoppelt fahren müssen. Und in den Fahrplänen der S6 sind Verspätungsminuten bereits als Puffer fest eingearbeitet.

Fährt die S6 voraussichtlich von Ende 2023 an auf eigenen Gleisen, können auf den Fernbahngleisen pro Stunde vier Züge mehr verkehren. Die Güterzug-Umgehung bietet eine weitere Kapazitätssteigerung. Laut der Prognose des Bundes sollen 2030 nur noch 22 statt sonst 27 Güterzüge pro Tag zwischen Friedberg und Frankfurt unterwegs sein.

Noch voller ist es südlich der Metropole, daher fahren manche Pendlerzüge nur bis Neu-Isenburg oder zum Südbahnhof statt zum Hauptbahnhof. Selbst einige ICE halten nur am Südbahnhof.

Mehr Kapazität

Mehr Kapazität verspricht die Güterzug-Umgehung: Wird sie realisiert, rollen auf der Main-Neckar-Bahn durch Sachsenhausen nach Darmstadt 2030 nur noch 41 statt 58 Güterbahnen pro Tag. Schon seit Jahren meldet der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbundes (RMV), Knut Ringat, beständig höheren Bedarf an Fahrmöglichkeiten für Regionalzüge an. Ins Rodgau, in den Odenwald und nach Mittelhessen würde der RMV gerne öfter fahren – auch weil alte Strecken wieder in Betrieb gehen sollen, wie zum Beispiel von Friedberg nach Hungen.

Um die steigende Nachfrage zu bewältigen, seien mehr Kapazitäten auf den Gleisen nötig, sagt Verkehrsdezernent Oesterling. „Wir brauchen jede Trasse für den S-Bahn-, Regional- und Fernverkehr.“ Deshalb sei das Vorhaben des Bundes so wichtig, viele Güterzüge um die Stadt herumzuführen.



Artikel Frankfurter Rundschau, vom 13.07.2020. Von Dennis Pfeifer-Goldmann

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